Vom Bus bis in den Spielertunnel

Vom Bus bis in den Spielertunnel

1. Herren 13.08.2019

So lief der einmalige DFB-Pokaltag für den SV Atlas Delmenhorst

Text: Daniel Niebuhr (Delmenhorster Kreisblatt)

Titelbild: Rolf Tobis

 

Das Delmenhorster Kreisblatt hat den SV Atlas Delmenhorst durch den Tag des "Jahrhundertspiels" gegen Werder Bremen im DFB-Pokal begleitet – und war im Teamhotel, im Mannschaftsbus und im Spielertunnel.

Es war das „Jahrhundertspiel“ für den Delmenhorster Fußball und der größte Moment in der Geschichte des SV Atlas: Am Samstag spielte der Oberligist im DFB-Pokal vor 41500 Zuschauern im Weserstadion gegen Werder Bremen und hält nun den Zuschauerrekord für Amateurvereine in der ersten Runde. Das Delmenhorster Kreisblatt hat die Mannschaft so eng durch den historischen Tag begleitet wie nie zuvor, war beim Anschwitzen und beim Mittagessen dabei, im Bus, in der Kabine, im Spielertunnel – und bei der Party danach in der Loge. Die Chronologie eines einmaligen Tages:

Der Vormittag

9.45 Uhr: Die Mannschaft trifft sich zum Anschwitzen im Delmenhorster Stadion. Es wird geflachst und gelacht – die Jungs sind kalt wie Eis.

10.15 Uhr: Im Mannschaftskreis sagt es Sportchef Bastian Fuhrken, wie es ist: „Es wird ein langer Tag.“ Tatsächlich ist 20.45 Uhr die späteste Anstoßzeit der Vereinsgeschichte.

12.07 Uhr: Die Mannschaft trifft im Hotel ein und begibt sich zum Essen – natürlich gibt es Nudeln. Trainer Key Riebau hat auch da das Kommando: Der Tisch von Kapitän Nick Köster darf als erster ans Büffet.

12.34 Uhr: Stürmer Marco Prießner nimmt schon wieder nach. Der Mann hat (Tor-)Hunger. 

12.43 Uhr: Das Essen zeigt die verschiedenen Mentalitäten. Kapitänstisch: konzentrierte Nahrungsaufnahme. Tisch daneben: Geplapper und Gelächter. Stürmer Marvin Osei und Verteidiger Leon Lingerski lehnen sich so entspannt zurück, dass man selbst ganz müde wird. Der Vorstandstisch diskutiert: Parmesan, ja oder nein?

12.55 Uhr: Präsident Manfred Engelbart richtet Grüße von Oberbürgermeister Axel Jahnz aus, der in Stuttgart weilt. Seine Tochter heiratet.

13.14 Uhr: Die Spieler gehen zur Mittagsruhe. Wobei das mit der Ruhe schwierig wird: Im Mannschaftshotel steigen zwei 80. Geburtstage...

14.10 Uhr: Sportchef Fuhrken im Gewissenskonflikt: Nur 20 Spieler stehen im Matchkader, 27 hat Atlas insgesamt – Fuhrken will keinen auf die Tribüne schicken, auf der Bank ist aber laut DFB-Statuten nicht genug Platz für alle. „Ich hoffe, der Schiedsrichter lässt uns das durchgehen.“

Der Nachmittag

15.15 Uhr: Die Spieler sind wieder wach und warten auf die Nachmittagskonferenz im DFB-Pokal. Als letzter kommt nicht ganz überraschend Torjäger Prießner aus dem Zimmer. Wer gut isst, darf auch gut schlafen.

16.00 Uhr: Die Konferenz läuft wegen technischer Probleme fast ohne Ton. Dafür spielt das Hotel einen 60er-Mix über die Deckenboxen. Eben war „Those were the days“, jetzt kommt John Denver – der 80. Geburtstag nebenan freut sich.

16.14 Uhr: Stürmer Emiljano Mjeshtri erzählt eine verrückte Anekdote. Das Spiel wird live im albanischen Staatsfernsehen übertragen. Torwart Florian Urbainski zuckt mit den Achseln: „Emil, was soll ich mit so einer Info anfangen?“

16.30 Uhr: Der Kuchen wird aufgedeckt. Spielmacher Musa Karli fällt durch amateurhaftes Stellungsspiel auf und versperrt der Bedienung mit dem Nachschub den Laufweg. Der Trainer hat es zum Glück nicht gesehen.

17.35 Uhr: Riebau lässt die Konferenz abschalten, das Abendessen (schon wieder Nudeln) wird aufgedeckt, unter Mithilfe von Stürmer und Aushilfskellner Osei.

18.18 Uhr: Die Mannschaft macht einen Verdauungsspaziergang durch den schönen Stadtteil Stickgras. Ein Autofahrer fängt an zu hupen. „Holt euch den Sieg!“, brüllt er aus dem Fenster.

18.35 Uhr: Der Mannschaftsbus fährt vor, das Team steigt unter einem Hupkonzert vorbeifahrender Autos etwas ungeordnet ein. Coach Riebau und Co-Trainer Malte Müller sitzen vorn. Dahinter wird gequasselt, als würde man zur Klassenfahrt in den Harz aufbrechen.

Foto: Daniel Niebuhr

18.58 Uhr: Unerwartet kein Stau auf der B75, der Bus kommt gut durch. Doch dann springt der Beifahrer aus dem Auto davor an einer roten Ampel auf den Bürgersteig, trommelt an die Scheibe des Busses und brüllt immer „Stevie, Stevie, Stevie!“ Gemeint ist Stürmer Steven Müller-Rautenberg. Der Mann sprintet neben dem Bus her, zieht obenrum blank und präsentiert dann sein Müller-Rautenberg-Trikot – unter dem Gejohle der Mannschaft. 

19.10 Uhr: Der Bus erreicht den Osterdeich und drinnen wird es still. „Kommt rüber und seht euch das an“, sagt Ersatztorwart Malte Seemann und meint die Fan-Massen, die zum Stadion pilgern. „Fast wie bei unseren Heimspielen“, findet Torwartrainer Henry Kampert.

Im Stadion

19.15 Uhr: Die Mannschaft macht in der Kabine Selfies mit den aufgehängten Trikots und geht danach durch den Tunnel aufs Feld. Die Stadiontore sind da allerdings noch geschlossen, das Publikum besteht aus ein paar Ordnern und Medienmenschen, die Kabel durch die Gegend ziehen. Das wird sich ziemlich schnell ändern...

19.35 Uhr: Die Spieler haben sich umgezogen und lauschen nun der ersten Ansprache des Trainers, der vorher wohlweislich alle, die nicht zur Mannschaft oder dem Betreuerstab gehören, hinausgebeten hat. Man hört allerdings auch im Kabinengang: Es wird laut und emotional.

20.00 Uhr: Die Spieler wärmen sich vor der Westtribüne auf, die an diesem Abend die Delmenhorster Fankurve ist – und Atlas bekommt Grünes Licht: Alle dürfen auf die Bank. Der vierte Offizielle Viatcheslav Paltchikov, den Fuhrken später als „Mega-Typen“ bezeichnen wird, lässt ausnahmsweise auch den ganzen Matchkader zum Warmmachen.

20.19 Uhr: Über die Lautsprecher wird der Atlas-Marsch gespielt. Während die Werder-Fans über die Volkstümlichkeit verstört die Stirn runzeln, wird auf der Westtribüne mitgesungen. Und plötzlich landen beim Einschießen alle Bälle im Tor.

20.29 Uhr: Die Mannschaft geht für die letzte Rede des Trainers in die Kabine – und verpasst einen unfassbaren Moment, der sofort zum Kult wird. Atlas-Stadionsprecher Thomas Snopienski interviewt den Vereinspräsidenten Manfred Engelbart, den seine Emotionen überkommen. Er wird erst ausgepfiffen, als er die Arena (korrekterweise) Wohninvest Weserstadion nennt – und dann gefeiert, als er erklärt: „Ich musste das sagen.“ Am Ende seiner Ansprache ist er offenkundig den Tränen nahe und verkündet: „Vor Freude könnte ich heulen – und ich glaube, das tue ich jetzt auch.“

Foto: Rolf Tobis

20.39 Uhr: Die Betreuer sind schon draußen, nun erscheinen auch die Spieler im Tunnel, mit vergleichsweise groß gewachsenen Einlaufkindern an den Händen, wie ein Fotograf feststellt. Das Jahrhundertspiel kann beginnen. 

Das Spiel

20.45 Uhr: Anpfiff – und sofort fallen die Trainer durch Synchroncoaching auf. Hände hinter dem Rücken, klatschen, Wasserflasche wegwerfen – Riebau macht es jeweils vor und Kohfeldt nach. Verrückt.

20.55 Uhr: 0:1 durch Osako. Riebau holt Angreifer Tom Schmidt an die Seitenlinie, um sich Gehör zu verschaffen. Aufs Feld zu brüllen, bringt relativ wenig bei diesem Lärm.

21.04 Uhr: Nach dem 0:2 durch Moisander versinkt die Atlas-Bank in Schweigen. Man kauert und faltet die Hände – und die Gebete sollten erhört werden.

21.15 Uhr: Das Unglaubliche ist passiert, Schmidt trifft nach Flanke von Rauh mit einem Flachschuss zum 1:2 und sorgt für irre Szenen vor der Atlas-Bank. Trainer Riebau führt mit aufgerissenen Augen den Jubelpulk an, Spieler und Betreuer liegen sich auf dem Rasen in den Armen, die Westtribüne explodiert im Freundentaumel. Die Ostkurve schweigt zum ersten Mal.

Foto: Rolf Tobis

21.19 Uhr: Gerade wenn man glaubt, dass einem nicht mehr wärmer ums Herz werden kann, taucht plötzlich von irgendwoher Engelbart neben der Werder-Bank auf. Der weißhaarige Atlas-Chef ist – von Gefühlen überwältigt – von der Tribüne gekommen und geht nun winkend und jubelnd an der Südtribüne vorbei. Er macht auch vor der Ostkurve nicht halt und klatscht sogar die treuesten Werder-Fans ab. Manche schauen verdutzt, andere rufen: „Tolle Geste.“ 

21.22 Uhr: Atlas kassiert das 1:3 durch Rashica, und die Pokal-Sensation wird wieder unwahrscheinlicher.

21.25 Uhr: Nach dem 1:4 durch Klaassen entdeckt Riebau den freien Platz auf der Bank und setzt sich zum ersten Mal hin. Torwarttrainer Kampert, der nun als einziger noch steht, zieht sich geradezu demonstrativ eine Atlas-Jacke über.

21.30 Uhr: Schiedsrichter Ittrich pfeift zur Halbzeit. In der Pause sprechen der verletzte Atlas-Spieler Janssen und Fuhrken auf der Videowand – und der Sportchef hat noch einen Wunsch: „Eine eigene Ecke wäre toll.“

21.35 Uhr: Eine weitere gute Nachricht: Das Weserstadion ist mit 41500 Zuschauern ausverkauft und knackt damit den Erstrundenrekord für Amateurclubs.

21.51 Uhr: Das Spiel läuft wieder, die Auswechselspieler werden zum Aufwärmen vor die Ostkurve geschickt – in einem unglücklichen Moment. Die Werder-Fans zünden Rauchbomben, es riecht wie an Sylvester.

21.59 Uhr: Fuhrkens Traum wird wahr: die erste Ecke für Atlas. Der Sportchef springt jubelnd auf und reckt die Faust Richtung Südtribüne.

22.08 Uhr: Ein Moment, den kein Atlas-Spieler je vergessen wird – obwohl keiner von ihnen beteiligt ist. Werder-Coach Florian Kohfeldt wechselt Pizarro ein, das Stadion tobt – egal ob in grün-weiß oder blau-gelb gekleidet. Der Altmeister trifft gegen ehrfürchtige Gegenspieler kurz darauf doppelt.

22.13 Uhr: Atlas beginnt mit den Einwechslungen und macht drei Spieler für ihr Leben glücklich. Thade Hein ist der erste, er läuft lächelnd zur Bank, wo die Teamkollegen schon sein Trikot schwenken. Kurz darauf folgen Stürmer Plichta, der keine Miene verzieht, und Urgestein Radke. Der einzige Spieler, der für Atlas schon in der Kreisklasse gespielt hat, rennt fast zu früh aufs Feld. Dort liefert sich Radke dann ein Privatduell mit Claudio Pizarro um das breiteste Grinsen.

22.29 Uhr: Es wird wieder magisch. Die Delmenhorster Kurve erhebt sich. „SV Atlas Olé“ übertönt bis zum Schlusspfiff alles andere, die Atlas-Bank steht und klatscht mit.

22.31 Uhr: Das Spiel ist aus, und die Ehrenrunden beginnen. Die Atlas-Gründerväter Fuhrken und Tammo Renken gehen zusammen mit einer Delmenhorster Stadtfahne vor die Westtribüne. Das Team macht die Welle – und Mittelfeldspieler Thomas Mutlu nutzt die Gelegenheit und tauscht sein Trikot mit Pizarro.

Foto: Rolf Tobis

Die Nacht 

22.59 Uhr: Atlas im Interview-Marathon. Trainer Riebau und Kapitän Köster bei sky und in der ARD, Marvin Osei auf Englisch beim Reporter eines unbekannten Radiosenders. Während manche noch sprechen, sind die ersten schon geduscht und suchen auf dem Feld nach Handynetz.

23.24 Uhr: Riebau findet sich zusammen mit Kohfeldt bei der Pressekonferenz ein, dazwischen Tino Polster, der Atlas bei Medienfragen berät. Beide Trainer loben das eigene Team und das Event im Allgemeinen. Als keine Fragen mehr kommen, freut sich Riebau heiser: „Ist auch spät genug.“

23.55 Uhr: Die Atlas-Party in der Loge auf der Westseite mit Spielerfrauen und Freunden verläuft gesittet – weil alle fix und fertig sind. Werder-Trainer Kohfeldt stößt nach Mitternacht dazu und lächelt geduldig für jedes Foto. Viele davon müssen mehrfach geschossen werden – wegen des schummerigen Lichts.


0.45 Uhr: Präsident Engelbart greift ein letztes Mal zum Mikrofon und spricht mal wieder große Worte gelassen aus: „Es war ein unglaublicher Tag.“ 

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